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Viele Organisationen stehen vor einer Entscheidung: Microsoft 365 einfĂŒhren oder nicht. Auf den ersten Blick scheint MS365 die einfache Wahl zu sein â Komplettpaket, Integration, geringe Anfangskosten. Doch ohne entsprechende Planung ist die Entscheidung fĂŒr MS365 eine Entscheidung fĂŒr eine langfristige AbhĂ€ngigkeit.
Das Problem: Exit-Strategien werden oft erst nach der Implementierung entwickelt. Zu diesem Zeitpunkt ist die Organisation bereits tief in Microsoft-Ăkosystemen, Datenarchitekturen und Workflows verankert. Ein Ausstieg wird zu einer technischen, organisatorischen und finanziellen Herausforderung.
Dieser Artikel plĂ€diert fĂŒr ein anderes Prinzip: Exit-Strategien mĂŒssen parallel zur MS365-Implementierung entwickelt werden. MS365 sollte nicht als Endzustand betrachtet werden, sondern als ein reversibler Betriebszustand mit âExit-by-Designâ. Nur so bleibt die digitale SouverĂ€nitĂ€t gewahrt â die Kontrolle ĂŒber die eigenen Daten, IdentitĂ€ten und Systeme.
Microsoft 365 bietet ein vollstĂ€ndiges Ăkosystem: Teams fĂŒr die Kommunikation, SharePoint fĂŒr die Zusammenarbeit, OneDrive fĂŒr die Speicherung, Exchange fĂŒr E-Mails, Power Platform fĂŒr Workflows und Automatisierung. Alle Dienste sind integriert, IdentitĂ€ten werden ĂŒber Entra ID (frĂŒher Azure AD) verwaltet und Anwendungen verbinden sich nahtlos. Diese Bequemlichkeit ist jedoch auch gefĂ€hrlich.
Was oft ĂŒbersehen wird: Jedes Jahr ohne Exit-Planung erhöht die technischen Schulden einer Organisation. Diese summieren sich wie folgt:
| Schuldenart | Monetare Auswirkung | Operative Auswirkung |
|---|---|---|
| Datenmigration | Exponentielles Wachstum mit Daten und Zeit | Ausfallzeiten, Datenverlust |
| Schulungspotenziale | Mitarbeiter geschult auf MS360+Alternativen | ProduktivitÀtsverlust |
| Prozess-Redesign | Neugestaltung aller Workflows | Nutzerwiderstand |
| Technisches Refactoring | Neuarchitektur von Schnittstellen, APIs | Projektrisiko |
| Vertragsbindungen | VerlĂ€ngerungen, zuvor geplante KĂŒndigungsfristen | Verlust der Verhandlungsmacht |
Praxisbeispiel: Eine mittelstĂ€ndische Organisation mit 500 Mitarbeitern fĂŒhrte Microsoft Teams und SharePoint ohne Exit-Konzept ein. Nach vier Jahren:
Ein spĂ€terer Ausstieg wĂŒrde schĂ€tzungsweise 1,5â2,5 Millionen Euro allein fĂŒr Konsolidierung, Migration und Schulung kosten â ein Betrag, der durch eine parallele Exit-Planung auf 30â40 % hĂ€tte reduziert werden können.
Eine Exit-Strategie kann und sollte parallel zur MS365-Implementierung entwickelt werden. Die Kernidee: Implementieren Sie MS365 nicht als Endzustand, sondern als reversiblen, kontrollierten Betriebszustand.
Das bedeutet: Bereits wĂ€hrend der Implementierung werden technische, rechtliche und organisatorische MaĂnahmen ergriffen, damit Organisationen spĂ€ter Dienste, Daten und Prozesse aus MS365 extrahieren können â ohne Chaos, Datenverlust oder komplettes Redesign.
Bereits wĂ€hrend der EinfĂŒhrung sollten diese Fragen geklĂ€rt werden:
Die Exit-Strategie wird so nicht zu einem spÀteren Sonderprojekt, sondern Teil der MS365-Governance.
Organisationen können unterschiedlichen Zielbildern folgen. Ein kompletter Ausstieg ist nicht die einzige Option.
MS365 bleibt fĂŒr bestimmte Funktionen erhalten, wie Excel, Word oder eine Exchange-Migration. Dateispeicherung, Projektarbeit und Kollaboration werden zunehmend durch Open-Source-Dienste ersetzt. Das Ziel ist nicht âAnti-Microsoftâ, sondern eine pragmatische Nutzung und parallele Entwicklung.
MS365 wird nur fĂŒr weniger sensible oder hochstandardisierte Szenarien genutzt. Sensible Projekte, administrative Prozesse, kritische Zusammenarbeit oder personenbezogene Daten liegen vorzugsweise auf eigener oder föderierter Infrastruktur. Die Entscheidung ĂŒber das âWoâ wird durch die Datenklassifizierung gesteuert, nicht durch Bequemlichkeit.
MS365 wird ĂŒber mehrere Jahre schrittweise durch openDesk, Nextcloud, Collabora, Matrix, OpenProject und andere Dienste ersetzt. Dies ist ein mehrjĂ€hriges Projekt, aber durch die Vorbereitung bereits wĂ€hrend der Implementierung bleibt der Weg offen.
Wichtig: Organisationen mĂŒssen nicht vom ersten Tag an entscheiden, ob sie komplett aussteigen. Aber sie sollten von Beginn an exit-fĂ€hig bleiben.
Es sollte ein gemeinsames Programm fĂŒr Implementierung und Exit-FĂ€higkeit geben, keine zwei separaten Projekte. Teilnehmer sollten sein:
Dieser Rat entscheidet nicht nur ĂŒber MS365-Konfigurationen, sondern auch ĂŒber:
Eine Exit-Strategie funktioniert nur, wenn klar ist, welche Daten wohin flieĂen dĂŒrfen. Die folgende Klassifizierung ist ein typisches Modell fĂŒr Organisationen:
| Datenklasse | Beispiele | MS365-Nutzung? | Zielstrategie |
|---|---|---|---|
| Ăffentlich | Website-Inhalte, öffentliche Materialien | Möglich | Unkritisch |
| Intern | Arbeitsdokumente, Protokolle | EingeschrÀnkt möglich | ExportfÀhig halten |
| Personenbezogen | Kundendaten, Mitarbeiterdaten | Nur nach PrĂŒfung | SouverĂ€ne Dienste bevorzugen |
| Besonders sensibel | Gesundheitsdaten, sensible Projektdaten | Möglicherweise nicht | Lokale/föderierte Dienste |
| Finanzdaten | Rechnungen, Bilanzen, Buchhaltung | Kritisch | DMS/Dokumentenmanagement-System |
| Strategische Daten | BusinessplÀne, F&E-Ergebnisse | Kritisch | Lokale/föderierte Dienste |
Diese Klassifizierung sollte bereits wĂ€hrend der MS365-Implementierung in Richtlinien, Schulungen und IT-Policies ĂŒbersetzt werden.
Vermeiden Sie bestimmte Lock-in-Fallen bereits bei der Baseline-Konfiguration.
Ein besonders wichtiger Punkt: Entra ID darf nicht zum zentralen IdentitĂ€tssystem werden, wenn Exit-FĂ€higkeit gewĂŒnscht ist.
Besser ist:
Organizational IAM / LDAP / AD / Shibboleth / Keycloak
|
Keycloak or Federation Service with MFA
|
MS365, openDesk, other services
Ziel:
Dies ist eine der wichtigsten technischen Voraussetzungen fĂŒr jeden spĂ€teren Exit.
WĂ€hrend MS365 implementiert wird, sollte parallel eine souverĂ€ne Zielplattform evaluiert werden. Ein ĂŒberzeugendes Modell:
| MS365-Funktion | Alternative zur parallelen Evaluation |
|---|---|
| Teams / SharePoint Workspaces | openDesk-CE |
| OneDrive | Nextcloud / ownCloud |
| Office Online | Collabora Online / OnlyOffice |
| Planner | OpenProject, Taiga |
| Forms | LimeSurvey |
| Teams Chat | Matrix/Element, Mattermost |
| Video-Calls | BigBlueButton, Jitsi Meet |
| OneNote / Knowledge Base | XWiki, HedgeDoc |
| Exchange | SOGo, Open-Xchange, Postfix/Dovecot |
openDesk-CE eignet sich besonders gut als Plattform zur parallelen Evaluation, da es mehrere dieser Funktionen out-of-the-box integriert: Dateispeicher, Online-Office, Projektmanagement, Wissensarbeit, Kommunikation und IdentitÀtsintegration.
Parallel zur MS365-Implementierung sollten Organisationen Regeln verankern, die zukĂŒnftige AbhĂ€ngigkeiten begrenzen.
Beispiele:
Diese Regeln verhindern, dass sich Organisationen wÀhrend der Implementierung tiefer binden, als beabsichtigt.
Eine Exit-Strategie parallel zur Implementierung bedeutet nicht, zwei völlig getrennte Welten aufzubauen. Besser ist eine kontrollierte Koexistenz:
MS365: Kurzfristig verfĂŒgbare Standardplattform
openDesk/OS Services: Strategische souverÀne Zielplattform
Organisatorisches IAM: Gemeinsame IdentitĂ€tsbasis Datenklassifizierung: Entscheidet ĂŒber den Speicherort Governance: Steuert Nutzung und Migration
**Beispielkonfiguration**:
- Teams anfangs fĂŒr die allgemeine Kommunikation erlaubt
- openDesk/Nextcloud empfohlen fĂŒr sensible Ausschussarbeit
- Web-Systeme bleiben fĂŒhrend fĂŒr öffentliche Materialien
- CRM-Systeme bleiben fĂŒhrend fĂŒr Kundendaten
- Neue ProjektrÀume vorzugsweise mit openDesk pilotiert
- Stark Microsoft-abhĂ€ngige Szenarien erhalten ein Sunset-Datum oder ein ĂberprĂŒfungsintervall
---
## Exit-Plan pro MS365-Service erstellen
Bereits wĂ€hrend der Implementierung sollte fĂŒr jeden Service ein âExit-Briefâ existieren.
### Service: OneDrive
- Welche Daten dĂŒrfen hinein?
- Wie werden die Daten exportiert?
- Zielsystem: Nextcloud/openDesk oder bestehende Dateidienste der Organisation
- Verantwortlich: IT-Abteilung
- Risiken: Berechtigungen, externe Links, private Daten
- Exit-Aufwand: mittel
- ĂberprĂŒfung nach: 12 Monaten
### Service: Teams
- Nutzung erlaubt fĂŒr: Chat, Meetings, einfache Workspaces
- Nicht erlaubt fĂŒr: Dauerhafte Archivierung, sensible Daten, kritische Prozesse
- Zielalternativen: Matrix/Element, BigBlueButton, openDesk
- Exportproblem: Chat-Historien und Kanalstruktur
- Exit-Strategie: Neue Gruppen spÀter bevorzugt in openDesk
### Service: SharePoint
- Nutzung erlaubt fĂŒr: Einfache Dokumentenarbeit
- Nicht erlaubt fĂŒr: Komplexe Prozesse ohne Genehmigung
- Zielalternativen: Nextcloud, XWiki, Dokumentenmanagementsysteme, OpenProject
- Exit-Risiko: Hoch
- Obligatorisch: Seitenkatalog, EigentĂŒmer, Exportkonzept
### Service: Exchange Online
- Nutzung erlaubt fĂŒr: E-Mail/Kalender, falls entschieden
- Zielalternativen: Bestehender Mail-Service, SOGo, Open-Xchange
- Exit-Risiko: Hoch
- Besondere BerĂŒcksichtigung: KalendereintrĂ€ge, Ressourcenplanung, mobile EndgerĂ€te, Archivierung
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## Vertragliche und beschaffungsrechtliche Exit-Klauseln
Parallel zur Implementierung sollten VertrÀge und interne Beschaffungsrichtlinien angepasst werden.
**Kernanforderungen**:
- Datenexport in maschinenlesbaren Formaten
- Klare Datenlöschungsregeln nach Vertragsende
- UnterstĂŒtzung bei der Migration
- Keine dauerhafte Bindung an proprietÀre Schnittstellen
- API-Dokumentation
- Audit- und NachweisfÀhigkeiten
- Datenschutz nach Risikoanalyse
- Transparenz ĂŒber Zusatzkosten
- Exit-Fristen und Ăbergangsregeln
- Vermeidung automatischer Funktionserweiterungen ohne erneute Bewertung
Bei Open-Source-Alternativen sollten auch Betrieb, Support und Exit-FĂ€higkeit vertraglich berĂŒcksichtigt werden.
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## Zeitliche Kopplung von Implementierung und Exit-Strategie
Mögliche Roadmap:
| Zeitplan | MS365 EinfĂŒhrung | Exit- / SouverĂ€nitĂ€tsmaĂnahmen |
| ----------- | ---------------------------------- | ------------------------------------------------------------------------- |
| 0-3 Monate | Projekt-Kick-off, Tenant-Planung | Governance, Datenklassifizierung, Exit-Richtlinien |
| 3-6 Monate | Pilot MS365 | openDesk-CE/Nextcloud-Pilot, IAM-Entkopplung |
| 6-12 Monate | Rollout ausgewÀhlter MS365-Services | No-new-lock-in-Regeln, Exporttests, Schulungen |
| Jahr 2 | Breitere Nutzung | Standard fĂŒr neue sensible Projekte auf OSS-Plattform |
| Jahr 3 | Konsolidierung | Reduzierung neuer Teams/SharePoint-Seiten, Migration erster Bereiche |
| Jahr 4+ | Lizenzoptimierung | Mögliche teilweise oder vollstÀndige De-Provisionierung einzelner MS365-Services |
So entsteht kein Widerspruch zwischen Rollout und Exit: MS365 wird kontrolliert genutzt, wÀhrend Alternativen wachsen.
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## Praktische Zielvision fĂŒr Organisationen
Eine sinnvolle Formulierung könnte sein:
> Die Organisation integriert MS365 nur unter der Bedingung, dass IdentitĂ€ten, Daten, Prozesse und Dokumentenformate so gestaltet sind, dass eine spĂ€tere Migration auf offene oder souverĂ€ne Plattformen möglich bleibt. Parallel werden openDesk-CE und andere Open-Source-Dienste als strategische Zielumgebungen aufgebaut und fĂŒr geeignete Nutzungsszenarien bevorzugt.
Diese Vision schafft Klarheit: MS365 ist nicht verboten, aber die Nutzung erfolgt unter Bedingungen, die sicherstellen, dass die Exit-FĂ€higkeit erhalten bleibt.
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## Wichtigste Handlungsempfehlungen
Kurze Zusammenfassung:
1. **MS365-EinfĂŒhrung und Exit-Strategie gemeinsam planen**
2. **Organisatorisches IAM als fĂŒhrendes IdentitĂ€tssystem beibehalten**
3. **Datenklassifizierung verbindlich machen**
4. **SharePoint, Power Platform und Teams begrenzen**
5. **Offene Formate und Schnittstellen vorschreiben**
6. **openDesk-CE/Nextcloud/Collabora/Matrix/OpenProject parallel pilotieren**
7. **FĂŒr jeden MS365-Service einen Exit-Brief erstellen**
8. **Keine kritischen Prozesse in MS365 ohne dokumentierten Exit-Pfad**
9. **Export- und Migrationstests bereits wĂ€hrend der Implementierung durchfĂŒhren**
10. **MS365-Lizenzen regelmĂ€Ăig auf Reduktionspotenzial prĂŒfen**
Der wichtigste Punkt: Eine Organisation sollte MS365 nicht âblindâ implementieren und erst spĂ€ter ĂŒber den Exit nachdenken. Sie sollte MS365 von Anfang an so nutzen, dass ein spĂ€terer Ausstieg technisch, organisatorisch und rechtlich möglich ist.
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_Dieser Artikel spiegelt Erfahrungen aus der Implementierung digitaler SouverĂ€nitĂ€t in Organisationen verschiedener GröĂe im Zeitraum von 2023 bis 2026 wider._